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IFA 2017 in Berlin - Erfolg, wohin man schaut

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 17.09.2017, 20:44 Uhr
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Eingang Süd zur IFA
Eingang Süd zur IFA  Bild: Veranstalter

München [ENA] Erneut steigerte die Internationale Funkausstellung, IFA, in Berlin ihre Kennzahlen. Besucherzahl, Ordervolumen und Ausländeranteil der Fachbesucher wuchsen. Mit der Gewinnung der droid-Con, der Android-Entwicklerkonferenz, gelang eine strategisch kluge Verbreiterung des Themenspektrums.

Die Weiße Ware feierte auf der IFA ihr zehnjähriges Jubiläum. Dr. R. Zinkann, u.a. ZVEI-Vorstand, erinnerte in der Eröffnungspressekonferenz daran, daß seine Branche damals, 2008, keineswegs schon einhellig überzeugt war, sich auf der damaligen Messe für Unterhaltungselektronik zu präsentieren. Die Ausstellerzahlen belehrten jedoch die Skeptiker sehr rasch eines Besseren. Es ist auch nicht so, daß sich die beiden Branchen, (Digital-)Elektronik und Hausgeräte, technisch nichts zu sagen hätte. Die seit Jahren auf der Agenda stehende Vernetzung des Haushalts ist eine nach wie vor unbewältigte - oder wohlwollender ausgedrückt - dynamisch angegangene Aufgabe.

Innovation 1 - gar nicht so geheimnisvolle Wellen

Aber auch im Kernbereich der Haushaltstechnik gibt es noch oder wieder unvorhergesehene Innovationen. In diesem Jahr schürte Miele schon Monate vor der IFA die Erwartungen auf eine Erfindung, die nichts weniger als eine Revolution des Kochens bringen sollte. Am 30. August wurde das Geheimnis gelüftet, und man weiß kaum, was man mehr bewundern soll, die Hartnäckigkeit, ein schon länger bekanntes physikalisches Prinzip haushaltstauglich zu machen, die Wahl eines nicht anglizistischen Namens für die neue Gerätekategorie, oder die Festsetzung eines Preises, der die ganze Angelegenheit sofort alltagsirrelevant macht.

Wir haben es mit einer klassischen deutschen Ingenieursleistung zu tun. Ein physikalisches Prinzip, in diesem Falle der Frequenzbereich um 915 MHz, der sonst auch im Mobilfunk, also zur Signalübertragung, genutzt wird, wird hier im Leistungsbereich eingesetzt, und demzufolge müssen die Wellen auch durch eine dicke Türe am Austritt ins Freie gehindert werden. Diese Wellenanwendung ähnelt dem Verfahren beim Garen mit Mikrowellen, und tatsächlich wird diese Frequenz in den USA auch für Mikrowellenherde benutzt. Bei Miele wirken die Wellen dem Vernehmen nach mit viel geringerer Leistung auf das Gargut ein und sind über ein Spektrum an Frequenzen verteilt.

So könne man auch messen, wie viel der ausgesandten Energie das Lebensmittel tatsächlich aufgenommen hat. Man könne also sehr selektiv garen, idealerweise sogar so, daß der energiebedürftige Braten mit dem schonungsbedürftigen Gemüse zusammen in einem Garvorgang zubereitet werden können. Die Demonstration auf der IFA brachte effektvoll den hier überbrückbaren Gegensatz auf den Punkt: ein Stück Fischfilet wird innerhalb eines Eisblockes gegart, und am Ende ist der Fisch warm und das Eis noch immer da. Die Abwesenheit thermischer Konvektion führt auch zu neuen, bisher nicht bekannten Erscheinungsformen von Speisen. Brot kann nun ohne Kruste gebacken werden und sieht dann irritierend teigweiß aus.

Miele nennt den neuen Backofen "Dialoggarer", was heißen soll, daß das Gerät mit den Speisen im Dialog steht und die jeweils benötigte Leistung einbringt. Sicherlich wollte man das Verfahren auch aus dem Dunstkreis der herkömmlichen Mikrowellentechnik herausnehmen, die einerseits mit "Fastfood" assoziiert und für unvereinbar mit "Haute cuisine" gehalten wird und andererseits von Öko-Aposteln dämonisiert und diskreditiert wird. Da klingt "Dialog" doch gleich viel menschlicher. Vermutlich findet in diesem Backofen der von Habermas geforderte "herrschaftsfreie Dialog" zwischen Energiequelle und Speise statt.

Neu eingeführt wird übrigens auch eine Metrik zur Dosierung dieser Leistung. 1 Kilojoule = 1 Gourmet Unit heißt es nun, und dabei stehen die Gourmet Units für die Menge an Energie, die dem Gargut zugeführt werden soll. Daneben gibt es den Parameter „Intensität“, der regelt, wie schnell das Lebensmittel diese Energiemenge aufnehmen soll. Digitales, heutzutage aber wohl unerläßliches Beiwerk ist für den Dialoggarer, daß auch Rezepte digital zugeführt werden können und das Gerät damit sozusagen von außen steuern.

Mit der Markteinführung wird es noch gute Weile haben. Erst im nächsten April soll es soweit sein, und als Preis sind knapp 8000 Euro angesetzt. Für dieses Geld kann man sehr oft zum Essen gehen oder sich auch einen ordentlichen Gebrauchtwagen kaufen, aber da die Luxusküche ohnehin, wie man uns bei Siemens erzählt hat, das neue Statussymbol darstellt, scheint das wohl für eine bestimmte Käuferschicht in Ordnung zu gehen. Ansonsten möchte man wohl allenfalls ein Zehntel dieses Preises für akzeptabel halten.

Das neue Verfahren ist zweifellos elegant, aber noch wissen wir nicht, welchen Wirkungsgrad es hat, d.h. welche Leistungsaufnahme welches Garresultat bewirkt, auch wenn schon mal die Verkürzung vieler Garzeiten ins Feld geführt wird. Ansonsten gilt natürlich, daß individuelles Garen mit herkömmlicher Technik, wozu auch die klassischen Mikrowellen gehören, bisher auch noch jeden satt gemacht hat.

Interessant wird zu sehen sein, ob andere Hersteller Miele auf diesem Wege folgen werden. Zwar dürften einige Patente daran hängen, doch die elektromagnetischen Wellen an sich sind natürlich nicht patentierbar. Andererseits könnten sich auch manche argwöhnischen Zeitgenossen erneut fragen, was es mit den Mobilfunkfrequenzen nun wirklich auf sich habe, wenn man mit ihnen auch Fleisch braten kann. Ob der Verdacht auf Gesundheitsschädlichkeit der Mobiltelefonie also doch nicht ganz aus der Luft gegriffen wäre?

Innovation 2 - Lebensmittel, so fern wie ferne Sterne

Siemens trat weiterhin als eigene Marke auf, obwohl das Hausgerätegeschäft des Konzerns inzwischen bekanntlich vollständig auf Bosch übergegangen ist. Siemens ist gewissermaßen zur Zweitmarke von Bosch geworden und läßt dort Spielraum für Variationen. Die Forschung wird aber nur einmal gemacht und hat diesmal ein Inspektionsgerät namens x-spect zum Vorschein gebracht. Es handelt sich um eine Prüfpistole, die zur Erkennung von Flecken auf Textilien und zur Prüfung von Lebensmitteln eingesetzt werden kann. Auch hier wird ein gut bekanntes physikalisches Prinzip verwendet, die Spektroskopie, mit der man beispielsweise in der Astronomie die Elementenverteilung in fernen Sternen ermitteln kann.

Wann das Gerät jedoch marktreif sein und wieviel es kosten wird, konnte man uns bei Bosch nicht sagen. Wieder haben wir ein elegantes Verfahren vor uns - dessen Aufwand im Verhältnis zum Ertrag, verglichen mit bisherigen Beurteilungsverfahren, freilich fragwürdig ist. Wer einen Fleck auf die Kleidung bringt/erhält, weiß in der Regel bereits, worum es sich handelt, braucht also keine weitere Diagnose, und den Erhaltungszustand von Lebensmitteln zu beurteilen, sollte man irgendwann auch mal selbst gelernt haben.

Abgesehen davon wird von seiten der Gentechnik bekanntlich schon lange daran gearbeitet, diesen Erhaltungszustand von natürlichen Verfallsprozessen im Lebensmittel zu entkoppeln, also gewissermaßen eine Fassade der Frische aufzubauen. * * * * * * *

Der Haushalt als mentale Wohlfühlzone

Desungeachtet haben Bosch-Kühlschränke selbstverständlich nur das Ziel, einem gesunden Lebensstil zu dienen, neudeutsch "simply healthy", wie Bosch in einer Studie zu "Haushaltspersönlichkeiten" herausgefunden hat. Ein moderner Kühlschrank analysiert sogar schon die Lebensmittel und gibt Plazierungsempfehlungen. Bosch integriert in die "smarte" Küche nun auch Amazons Abhörlautsprecher Echo, gibt aber den eigenen Küchenhelfer Mykie vorerst nicht auf, ohne freilich einen Markteinführungstermin zu nennen.

Vielleicht ist man sich über die Aufgabenverteilung zwischen beiden noch nicht klar oder will auch erst einmal die Marktakzeptanz von Echo abwarten. Ansonsten kann man die Neuheitenkiste jederzeit mit einem Griff ins Archiv bestücken. So wurde diesmal - wieder - der Kühlschrank progagiert, "der seine Farbe ändern kann", was nur heißen soll: Wechselfronten in verschiedenen Farben. Dieses Konzept wurde zuletzt 2013 vorgestellt.

Ansonsten war auf der IFA die übliche Armada von personalisierten Kaffeeautomaten, kamerabestückten und aus der Ferne einsehbaren Kühlschränken, fernsteuerbaren Saugrobotern und ungeheuer wäschesensiblen und umweltbewußten Waschmaschinen zu besichtigen. Diese offenbar unaufhaltsame technische Aufrüstung soll aber wahrhaftig einem spirituellen Ziel dienen: Kochen ist das neue Yoga. Wunderlicherweise nimmt andererseits in den Regalen der Supermärkte das "Convenience Food", also vorgefertigte Mahlzeiten, immer mehr Platz ein. Ob hier ein Widerspruch vorliegt, oder man einfach nur von Selbsttäuschung und Heuchelei sprechen muß, sei dahingestellt.

Grundig hatte sich ausdrücklich den Kampf gegen Lebensmittelverschwendung auf die Fahnen geschrieben und sich der Initiative "Respect Food" angeschlossen. Irgendwie scheint dieses ehrenwerte Engagement aber doch mit den famosen Lagerungsbedingungen für Lebensmittel in den hauseigenen Kühlschränken zu tun zu haben, die der Verderbnis keine Chance lassen. Gesunder Lebensstil stand auch bei Philips auf dem Programm - kein Wunder beim großen "Personal-Care"-Sortiment und der starken Medizintechniksparte im eigenen Konzern. Gesundheit kann heutzutage nur digital sein, heißt also "Digital Health".

Daß Philips hierfür - selbstverständlich in der "Cloud" - sogar einen "Care Orchestrator" anbietet, kann insofern nicht mehr verwundern. Schon das Kleinkind wird solchermaßen digitalisiert und mit einem "Smart feeding kit" artgerecht aufgezogen. "Air Cleaning"-Geräte rücken den angeblich enorm verbreiteten Atemwegsallergien zu Leibe, die Zahnbürste kann sogar eine Atemanalyse vornehmen. Die systematische Sammlung von Schlafdaten aus Millionen "smarter" Uhren und Armbänder soll die Volksgesundheit durch vermehrte diagnostische Daten verbessern.

Das Fortschritts- und Verbesserungspathos der Aufklärung aus dem 18. Jahrhundert wird hier von neuem und mit gewissermaßen amerikanischer Naivität ins Werk gesetzt. Dazu paßte - wie die bekannte Faust aufs Auge - der Spruch auf den T-Shirts der Philips-Standbesatzung: "How can I make Your life better"? Soviel Philanthropie aus heiterem Himmel stimmt natürlich sogleich mißtrauisch, und man möchte diesen Trägern/Opfern der Firmenphilosophie zurufen: geht's nicht eine Nummer kleiner?; funktionale Produkte, Langlebigkeit, Reparaturfreundlichkeit und Datensparsamkeit reichen schon! Wo aber fände man sie?

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