Sonntag, 17.12.2017 05:24 Uhr

IFA 2017 - Zukunft denken auf dem IFA+Summit

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 16.09.2017, 20:35 Uhr
Kommentar: +++ Internet und Technik +++ Bericht 5693x gelesen
Spaßautos vor dem IFA-Eingang
Spaßautos vor dem IFA-Eingang  Bild: G. Bachleitner

München [ENA] Das zweitägige Kongreßformat der IFA ist für den etwas weiteren und englisch formatierten Blick in die Zukunft zuständig, etwa angesiedelt zwischen den Fragen "was dürfen wir hoffen?" (Kant) und "wollen wir das wirklich?" * *

Heuer versammelte der IFA+Summit unter harmlos klingenden Überschriften teilweise brisante Stellungnahmen und Ausblicke. Schon der Eröffnungsvortrag in der Sektion "Interaction" ließ aufhorchen. Die "Cyborg-Anthropologin" Amber Case vom MIT wandte sich frontal gegen die Fortschrittsverheißungen einer vernetzungssüchtigen Hausgeräteindustrie, die die Küche zu einem nachgerade dystopischen Ort mache. Sie binde Aufmerksamkeit und erzeuge eine Komplexität, zu deren Bewältigung man dann sein eigener Administrator werden müsse. Case erinnerte dagegen an ein Konzept, das schon vor über 20 Jahren im Xerox Parc entwickelt worden war: eine ruhige, nicht geschwätzige Technik, "We need a calm technology".

Technik soll sich zwar mitteilen, aber nicht plappern und keine unnötigen Optionen und Alternativen ausbreiten. Sie solle nur das Minimum für die jeweilige Problemlösung bereitstellen, was für den Nutzer bedeute: least amount of mental cost. Nicht zuletzt müsse sie sich selbst überflüssig machen und über sich hinaus gewachsen sein, d.h. sie müsse auch dann funktionieren, wenn sie ausfalle. Beispiel: das "smarte" Türschloß muß sich bei Netzwerkausfall auch mechanisch mit Schlüssel öffnen lassen, die Heizung auch ohne Thermostat regeln lassen.

Case wagte sogar, die kulturstiftende Unterscheidung von Chronos und Kairos, die in der griechischen Antike die Grenzen des metrischen Denkens bezeichnete, in Erinnerung zu rufen - just in unserer Zeit, in der doch alle Verwertungsinteressen damit beschäftigt sind, alle Zeit zu metrisieren/quantisieren/digitalisieren und die erlebte und erfüllte Zeit, den Kairos, zu beseitigen. In der Diskussion buk man dann wieder kleinere Brötchen und ließ auch viel von der leicht parodistischen Überschrift "Internet of Everything" ungenutzt. Damit wird ja auf die ominöse "Theory of Everything" angespielt, mit der sich ein ernsthafter Naturwissenschaftler nur lächerlich machen kann.

Beschwichtigungsformeln waren rasch zur Hand. Klaus Schröder von der dänischen Firma Design People hielt die Sicherheits- und Transparenzprobleme des Internets der Dinge für beherrschbar und zog sich (weil ja ein Designer seine Aufträge üblicherweise von Marken erhält) darauf zurück, daß Marken Vertrauen schaffen könnten. Dem wäre entgegenzuhalten, daß der Nutzer Sicherheit und Vertrauen in erster Linie durch eigene (Mitwirkungs-)Fähigkeit erlangt.

Frederike Kaltheuner (Privacy International, UK) äußerte sich in diesem Punkte durchaus realistisch: die Kunden glaubten, ein Produkt mit einem bestimmten Nutzwert zu kaufen, kauften in Wirklichkeit aber ein Verfolgungsinstrument (tracking device). Abhilfe könne nur Aufklärung und Sensibilisierung schaffen. Die Sektion "Intelligence" führte stracks ins Gruselkabinett der KI, oder wenn man so will, in die in Kalifornien beheimatete Hexenküche des Homunculus.

Tatsächlich hatte sich für Erica Warp, Emotiv, die natürliche Reihenfolge bereits umgekehrt; sie sprach nicht mehr von Assistenzsystemen für den Menschen, sondern von "brain augmented technology". Das menschliche Gehirn dient also der Technik. Und die hier entwickelten "Brain Wearables" werden ironiefrei und unverdrossen als "mindblowing opportunities" qualifiziert. *

Faktisch wird dabei mit der in der Medizin schon länger bekannten Hirnstrommessung per EEG und ihrer Rückkoppelung zum Bewußtsein hantiert ("Neuro-Feedback"). Eine vergleichsweise handliche EEG-Haube ermöglicht 'die Demokratisierung der Hirnstrommessung', doch Warp genierte sich nicht, zu erwähnen, daß eine flächendeckende Datenerhebung mit einem solchen Instrument auch dem Neuromarketing wertvolle Dienste leisten werde. Bereits voll im Alltag und Haushalt steht das Unternehmen Amazon, für das Fabrice Rousseau die allseits bekannte Wanze Echo propagierte. Dort lautet das Motto zwar noch vergleichsweise konventionell "Integrating technology into our lives", aber bei dem ungebetenen Gast muß man eher von "intruding" sprechen.

Das Image-Video zeigt allen Ernstes einen von Alexas Stimme angeleiteten Tagesablauf und endet mit der vermeintlich rhetorischen Frage: Is it great? Es ist grausig, aber es hat Methode, und die "Alexa-enabled devices" werden sich zweifellos vermehren, wie auch die Anwendungsszenarien und Wortschatzsegmente, die man nun neudeutsch "Skills", also Fähigkeiten nennt, und derer die Maschine in den USA bereits 20.000 haben soll. Rousseau erklärte die vokale Bedienoberfläche, Voice User Interface (VUI), zur nächsten größeren Disruption in der Computertechnik.

Dies stimmt wahrscheinlich sogar, doch vergaß er zu erwähnen, daß diese Errungenschaft eben gerade nicht mehr demokratisch den Nutzern in die Hand gegeben wird, sondern asymmetrisch den Konzernen vorbehalten bleibt, die in ihren Rechenzentren die Sprache prozessieren und den dahinter stehenden Menschen auswerten. Während man also vom Menschen als Konsumtrottel immer mehr haben will, braucht man von ihm als einem sich durch Arbeit selbst bestimmenden Wesen immer weniger.

Frech und provokativ lautete daher die Frage über der Diskussion "Who needs humans in the time of AI?" Ein nennenswerter Verlust von Arbeitsplätzen durch Roboter und KI ist in der Tat zu befürchten, und Diskussionsteilnehmer Lennic Quian von der erst 2006 gegründeten chinesischen Firma Quihan brachte auch gleich seinen "Sanbot" mit. Es ist immer wieder nötig, die schläfrigen Europäer daran zu erinnern, mit welcher Dynamik in Ostasien die Robotik weiterentwickelt und in den Alltag integriert wird.

Bezeichnenderweise befaßte sich der deutsche Teilnehmer, Florian Dohmann vom Künstlerkollektiv YQP mit einem marktfernen Thema, einer KI-Anwendung in der Ästhetik. Hier geht es gewissermaßen um Grundlagenforschung, die niemandem wehtut, ohne die aber auch schon der Kunstmarkt ebenso funktionieren würde. Dohmann verschaffte dem Maler Roman Lipski die Gelegenheit, seine bildnerischen Werke durch ein KI-System fortzusetzen und zu vervielfältigen. Dieser Ansatz ist nicht neu. In der Musik gab es früher schon Software, die "im Stile von…" komponieren konnte, und in der Literatur mehr oder weniger alberne Lyrik-Generatoren.

Dohmanns KI bewegt sich nicht einmal auf der handwerklichen Ebene des Malers - oder positiv gewendet: überläßt sie ihm nach wie vor zur eigenen Ausführung -, sondern liefert nur Konzepte aus Formen und Farben. Wenn er will, kann Lipski diese Vorlagen dann nachmalen. Andernorts ist man bereits in der Lage, der KI auch die malerische Ausführung zu übertragen. So hat man vor kurzem bekanntlich ein Rembrandt-Gemälde, ein fiktives Portrait, mit dem originalen Pinselstrich des Meisters in Öl hergestellt.

Nun ist es eine vergleichsweise marginale Frage, wie Künstler zu ihrer Inspiration kommen, und da müssen ihnen Außenstehende auch nicht dreinreden. Für die Stellung des Kunstwerkes bleibt KI jedoch nicht ohne Folgen. Analog zu den "Fake News" müßte man künftig wohl auch von "Fake Arts" sprechen, und dem "postfaktischen" Zeitalter entspräche in der Ästhetik das "postauthentische". Ein Kunsttheoretiker müßte sich längst mit dem "Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Produzierbarkeit" beschäftigen.

Einen nochmals anderen, schärferen Akzent erhielt die Frage nach der Notwendigkeit des Menschen angesichts der KI durch jene Branche, die bisher schon zwischenmenschliche Intimität und Erotik zu instrument(alis)ieren wußte. Kate Davlin, Goldsmith-Universität London, referierte über "The future of intimacy". Zwar gebe es derzeit noch keine funktionierenden Sexroboter auf dem Markt, aber ihr Erscheinen sei absehbar und eine ethische Reflexion wünschenswert.

Deren Ergebnis kann man freilich bereits vorwegnehmen, weil es ja nicht die erste Debatte sein wird, die durch Substitution und Extension von Körperfunktionen veranlaßt wird. Man wird stets Substitutionsbedürftiges/-würdiges finden und anerkennen müssen und Extensionsbestrebungen nicht verhindern können. * * * *

"Experience" - Erfahrungen mit VR

Einen ebenso erfahrungsgesättigten wie geschichtsbewußten Vortrag hörten wir von Thomas Wallner, der schon vor einigen Jahren mit einer für Arte gefertigten Arktik-Doku Aufsehen erregt hat. Er vermittelte profunde Einsichten in die ästhetischen Möglichkeiten des neuen Mediums. Deren Reflexion kann auch den ästhetischen Ort des herkömmlichen Kinos schärfer bestimmen. Durch die Immersion in VR wird die bisherige Distanz des Zuschauers zum Ort der Handlung aufgehoben.

Jedoch hat erst diese Distanz dem Kinozuschauer eine emotionale Projektion ermöglicht. Die vom Film gelieferten und durch Schnitt aneinandergereihten Realitätsfragmente hat er imaginativ zu einer Geschichte zusammengesetzt. In VR hingegen fehlt der Rahmen einer vorgegebenen Blickrichtung, die für das Verfolgen einer durchkonstruierten Handlung unerläßlich ist. Wallner warnte gleichwohl vor der nahe liegenden Überlegung, dann eben gleich ganz auf die Geschichte zu verzichten, sich also sozusagen auf die bloße Präsenz des Zuschauers am Ort zu beschränken.

Es gebe auch in VR Strategien, die Aufmerksamkeit zu binden und die Orientierungslosigkeit des allein gelassenen Zuschauers zu begrenzen. Wie im realen Leben kann Ton, also Geräusche, von außerhalb des Gesichtsfeldes Neugier wecken. Des weiteren kann sich eine 360-Grad-Sicht zeitweise zu einer zweidimensionalen Frontalsicht verengen, wenn der Regisseur es für nötig hält. Gewissermaßen hinter dem Rücken der Schauspieler, durch Hintergrundmetamorphose, kann er auch den Schauplatz wechseln, den Zuschauer also ohne sein Zutun an einen anderen Ort versetzen. Demgegenüber würde ein harter Schnitt den Zuschauer einer weniger leicht zu begründenden Translokation aussetzen.

Wallner war sich bewußt, daß man für die Anwendung von VR auch Regularien brauchen werde, "Code of conduct", weil die Verwechselbarkeit mit der Realität ein Risiko darstellen könne. Dem stimmte in der Diskussion auch der Philosoph Michael Madary (Tulane University, USA) zu. Man wisse, daß VR im ungünstigen Falle als Katalysator für eine Psychose wirken könne. Außerdem gebe es noch keine Forschung zu Langzeitexposition und an Kindern.

Technisch steht das Verfahren ohnehin erst am Anfang. Die Eigenbeweglichkeit des Zuschauers im virtuellen Raum wird ja die Definition eines entsprechenden Areals beim Zuschauer selbst erfordern und ist derzeit mit hohem Aufwand verbunden. Damit einhergehen müßte auch die Wahrnehmung des eigenen Körpers, zumindest der Hände. Und wenn dann buchstäblich die Voraussetzung für Handlung geschaffen sind, wird man den virtuellen Objekten physikalische Eigenschaften, in erster Linie Widerständigkeit, verleihen müssen. Die Frage nach einer sinnvollen Dramaturgie ist dabei noch gar nicht gestellt. Vielleicht wird es zu einer Symbiose oder Synthese von Computerspieldramaturgie und klassischer Erzähldramaturgie kommen - wir wissen es nicht.

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