Donnerstag, 19.10.2017 16:16 Uhr

Apulien: Castel del Monte

Verantwortlicher Autor: Dr. Bernd Strecker Bad Schönborn, 04.08.2017, 18:32 Uhr
Nachricht/Bericht: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 5349x gelesen
Castel del Monte
Castel del Monte  Bild: Dr. Bernd Strecker

Bad Schönborn [ENA] Castel del Monte, etwa 40 km landeinwärts südlich von Trani auf einem erhöhten Plateau gelegen, ist von einer einzigartigen, in sich stimmigen Klarheit und Schönheit. Der Grundriss bildet ein Achteck, wobei jedem von ihnen noch ein achteckiger Turm zugeordnet ist.

Castel del Monte
Castel del Monte
Castel del Monte

Der Erbauer ist der italienische Staufer Friedrich II., römisch-deutscher Kaiser (1194-1250), König von Sizilien und Jerusalem, Erster nach Gott. Für die damaligen Menschen war dieser Herrscher kaum fassbar - aufgrund seiner extrem hohen Intelligenz, seiner ausgefallenen Forschermentalität, seiner permanenten, groß angelegten Reisetätigkeiten, seiner Sprachgenialität - aber auch wegen seiner extremen Grausamkeit. Letztere ist jedoch wegen des Aufbaus und der Sicherung eines so großen Reiches wie das der Staufer (leider) unabdingbar. Was ihn aber im Vergleich zu anderen Kaisern auszeichnete, war seine bereits genannte Haltung, forschend selbst zum Grund der Dinge vorzustoßen.

Eingangsbereich, rechts
Innenhof
Ausblick auf die Umgebung

Über die Funktion von Castel del Monte gibt es unterschiedliche Theorien, die aber letztlich nur im Raum stehen, weil alle (originalen) Unterlagen bezüglich der Zielsetzung, Verwendung und dem Stellenwert in der Gesamtplanung vernichtet wurden. Zudem hat Friedrich II. das Castel nicht regelmäßig besucht; andererseits war es für ihn aber von sehr großer Bedeutung. Wir wissen, dass er viele Gespräche über die Struktur und die Umsetzung der Anlage mit den Baumeistern geführt hat - und sicherlich auf gegenseitiger Augenhöhe.

Die herausragende ästhetische Ausstrahlung von Castel del Monte ist sicherlich auch der konsequenten Entwicklung aus einem mathematisch-physikalischen Element bzw. aus einer einzigen geometrischen Figur heraus, dem Oktagon, geschuldet. In der unmittelbaren Konfrontation des Besuchers mit Castel del Monte scheint uns dieser Aspekt der Ästhetik bedeutender oder überzeugender dargestellt zu sein als der vorherrschende Verteidigungsansatz bei den Bauwerken z.B. in Trani, Bari oder Otranto.

Alle genannten Beispiele liegen an der apulischen Küste, die Friedrich II. verständlicherweise gegen die Feinde, speziell die Osmanen, unter allen Umständen absichern wollte. Selbst beim Castel Lagopesole, im Landesinneren nördlich von Potenza und ebenfalls auf einer Anhöhe erbaut, steht zunächst das Schutzdenken im Vordergrund. Dieser ausgreifende Komplex wird von der Forschung als „[gewachsene] Höhenburg“ (C.A. Willemsen) bezeichnet.

Thronsaal

Ganz anders Castel del Monte! Warum eigentlich? Ein Grund könnte unseres Erachtens in der historischen Entwicklung liegen, die Friederich II. seit seiner Krönung zum König von Sizilien und schließlich zum Kaiser bewusst vorangetrieben hat. Für ihn wäre - an sich doch naheliegend - Palermo in Sizilien als ihm wohl bekannte Residenzstadt und neues Machtzentrum am ehesten in Frage gekommen. Das war aber nicht der Fall: als kluger Stratege sah er Palermo sozusagen nur „am Ende der Welt“. Im Rahmen des neuen, erweiterten Reiches musste er die enge Anbindung an die übrigen wichtigen Teile (Rom, oberitalien. Stadtstaaten, Heiliges Römisches Reich deutscher Nation) suchen, um bei notwendigen Truppenverschiebungen schnell vor Ort sein zu können.

Andererseits benötigte Friedrich II. ein Gebiet, das noch nicht durch eine andere Macht eine politische und/oder kulturelle Grundstrukturierung erfahren hatte - und das war für ihn Apulien! Hier konnte er seine Ideen Zug um Zug umsetzen. So machte er Foggia zu seiner neuen Residenzstadt und sicherte die engere und weitere Umgebung durch entsprechende Wehrbauten. Warum, so ließe sich doch logischerweise fragen, sollte nicht in diesem Kontext auch etwas völlig Neues oder Andersartiges entstehen können? Und das bedeutete für Friedrich II. Castel del Monte: eine einmalige, ungeheuerlich moderne Art der staufischen Sehweise von Macht, Schönheit, Repräsentation - und wohl auch Sicherheit.

Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass Castel del Monte einen für die damalige Zeit unvorstellbaren Luxus an sanitären Anlagen und ein ausgeklügeltes Heizungssystem besaß. Es ist also auch die gelungene Verbindung von modernster, zukunftsweisender Technik für das tägliche Leben im Rahmen einer substantiell gewagten, aber gekonnt umgesetzten Baukonzeption. Dazu gibt es unter Friedrich II. keine Parallele! Somit sind unseres Erachtens selbst die Einwände einiger Forscher gegenstandslos, die den Begriff ‚Einmaligkeit‘ für Castel del Monte relativieren möchten, weil die Erhaltungszustände seiner vergleichbaren Bauten heutzutage weit niedriger seien.

Nino Longobardi
Nino Longobardi
Nino Longobardi

Im Innenhof und in einigen Sälen von Castel del Monte zeigt der bekannte italienische Künstler Nino Longobardi eine Ausstellung seiner modernen Werke unter dem Titel ‚Apparenze‘ bis zum 30. Oktober 2017. Gerade die eigenwillige Darstellung von Christus unter freiem Himmel (Innenhof) ist unseres Erachtens eine adäquate Verbeugung vor dem großen Erbauer. Hier werden, so könnte man sagen, zwei Linien der Moderne aus unterschiedlichen Jahrhunderten miteinander verbunden.

Für den Artikel ist der Verfasser verantwortlich, dem auch das Urheberrecht obliegt. Redaktionelle Inhalte von European-News-Agency können auf anderen Webseiten zitiert werden, wenn das Zitat maximal 5% des Gesamt-Textes ausmacht, als solches gekennzeichnet ist und die Quelle benannt (verlinkt) wird.
Zurück zur Übersicht
Info.