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Erinnerungen an Bert Kaempfert, einen großen Klangmagier

Verantwortlicher Autor: Herbert J. Hopfgartner Salzburg, 08.02.2019, 20:13 Uhr
Fachartikel: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 5741x gelesen

Salzburg [ENA] Fünf Tage nach seinem letzten Konzert in der ausverkauften Royal Albert Hall in London stirbt am 21. Juni 1980 mit Bert Kaempfert ein Musiker, Orchesterleiter und Produzent, der als deutscher Musiker (!) sowohl für Elvis Presley, Frank Sinatra als auch für die Beatles gearbeitet hat. Viel zu früh hörte ein großes Musikerherz auf, im gleichmäßigen Swingrhythmus zu schlagen.

Geboren im Jahre 1923, aufgewachsen in Hamburg, erlernt der junge Berthold Heinrich Kämpfert (so sein gebürtiger, noch nicht anglisierter Name) Klavier, Akkordeon, Klarinette und Saxophon. Als Saxophonist im Danziger Radioorchester Hans Busch wird er nicht nur mit zahlreichen Musikstilen konfrontiert, er vertieft auch seine theoretischen Kenntnisse im Arrangement und in der Komposition. In dieser Zeit erhält er seinen Spitznamen, Fips, der ihn von nun an sein Leben lang begleiten wird. Seine erste eigene Big Band gründet er in der Kriegsgefangenschaft in Dänemark – in dem Land, in dem er zuvor als deutscher Militärmusiker den Krieg überlebt hat.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verdient er sein Geld beim NWDR und bei der Firma Polydor – seine Orchesterarrangements werden immer geschliffener, der geschmeidige und legendäre Bert-Kaempfert-Sound entsteht… Für den „Parade-Seemann“ Freddy Quinn arrangiert er „Die Gitarre und das Meer“, für Ivo Robić den Schlager „Morgen“ – beide Lieder werden auch mit englischem Text, „Morgen“ außerdem als mehrstimmiger Saxophon-Hit erfolgreich. 1959 bringt Kaempfert „Wonderland by Night“ heraus, ein Instrumentalstück, das in Deutschland keine Plattenfirma haben will. Mit der musikalischen Hommage auf Manhatten gelingt ihm allerdings in der Stadt, die er so ausdrucksvoll „besingt“, der internationale Durchbruch.

Fünf Wochen hält sich dieses Werk in den USA auf Platz 1 – der erste Number-One-Hit eines deutschen Musikers überhaupt! Als Elvis Presley seinen viel beachteten Militärdienst in Deutschland ableistet, ist es natürlich Bert Kaempfert, der neue deutsche Vorzeigemusiker, der mit dem amerikanischen Superstar das Volkslied „Muss i denn zum Städtele hinaus“ aufnimmt. Als „Wooden Heart“ ist der kitschige Song für längere Zeit in den amerikanischen Charts vertreten…

Nach Elvis Presley sollten noch andere Stars kommen: Wie viele andere Sänger zuvor interpretiert Ray Charles den alten schottischen Folksong „My Bonnie Lies Over the Ocean“, als B-Seite wird er für die Single „You Be My Baby“ (1958) aufgenommen. Die Beatles orientieren sich ganz an diesem Beispiel, als sie in Hamburg zusammen mit dem britischen Sänger Tony Sheridan in verschiedenen Clubs auftreten. (Jahre später wird Sheridan Angus und Malcolm Young das Gitarrespiel beibringen, worauf die Brüder darauf hin eine Band namens AC/DC gründen.)

Noch mit Stuart Sutcliffe am Bass und Pete Best am Schlagzeug nehmen die Beatles, als die „Beat Brothers“, im Juni 1961 den Song auf – und wieder hat Bert Kaempfert, dieses Mal als Produzent, die Finger mit im Spiel. Wochen später taucht der Titel in der deutschen Hitparade auf – und ein gewisser Brian Epstein (der spätere Manager der Beatles) beginnt sich für die eigenartige englische Popgruppe aus Hamburg zu interessieren.

Bert Kaempfert komponiert, arrangiert oder nimmt mit verschiedenen Musikern und Orchestern Schallplatten auf. Der Öffentlichkeit entgeht, dass der begnadete Musiker den Arbeitsstress mit Alkohol und Zigaretten zu mildern bzw. mit Aufputschmitteln seine Produktivität zu steigern versucht. Noch scheint sein Körper die Strapazen wegzustecken. Sehr erfolgreiche Stücke entstehen: „Afrikaan Beat“, „A Swingin’ Safari“, „That Happy Feeling“ oder eine neue instrumentale Version von „Red Roses for a Blue Lady“.

Nur wenige Jahre vergehen, bis Kaempfert wohl den Höhepunkt seiner Karriere erlebt: Im Jahre 1966 singt Al Martino „Spanish Eyes“ (ursprünglicher Titel: „Moon over Naples“) und niemand geringerer als Frank Sinatra intoniert den Titel „Strangers in the Night“. Nicht zuletzt durch den Erfolg und Bekanntheitsgrad dieser beiden Lieder wird sein Ruf als international gefragter Künstler endgültig bestätigt. Viele Interpreten stehen Schlange und wollen Lieder des deutschen Klangkünstlers und „Mr. Hitmaker“ singen.

Die Disco-Musik der 1970er Jahre, die Stilvielfalt der internationalen Rockmusik, aber auch der Erfolg der oberflächlichen und seichten Schlager lassen den Ruhm des Musikers nur leicht verblassen. Gerade James Last und Bert Kaempfert scheinen mit ihrer Musik respektive den charakteristischen Orchestersounds über jeden Zeitgeist erhaben zu sein. Zugute kommt ihnen allerdings auch, dass in den großen Shows des Farbfernsehzeitalters ein bekanntes und beliebtes Orchester (und das obligate Fernsehballett!) nicht fehlen dürfen.

Fast 400 Kompositionen und über 700 Arrangements sind von Bert Kaempfert erhalten, 150 Millionen Schallplatten mögen bisher verkauft worden sein. Neben seinen einprägsamen Melodien ist es vor allem der typische Kaempfert-Sound – eine musikalisch-technische Qualität also, die höchstwahrscheinlich für den großen und jahrelangen Erfolg verantwortlich ist: Das überaus dezente Schlagzeug wird bei Kaempfert-Stücken vorwiegend mit dem Besen gespielt, der Kontrabass begleitet mit (eher dumpfen) durchgehenden Viertel („Walking Bass“), während die elektrische Bassgitarre mit hellen und „knackigen“ Quintwechsel-Tönen einen Kontrast darstellt.

Satte Blechbläser (chorische Trompeten und Posaunen – besonders gut sind immer wieder die Bassposaunen zu hören) gestalten häufig den ersten Teil eines Stückes, unterdessen übernehmen Streicher und ein Chor nicht selten den zweiten Teil. Einen Text hört man nur vereinzelt – ausgehaltene Vokale oder lautmalerische Silben (Dua, Uah, Duuh…) sind hier das akustische Markenzeichen. Bisweilen ist in den Überleitungen auch eine weibliche Solostimme zu hören, die sich – wenig begleitet – in schwindelnde Höhen bewegt, bevor sich der erste Teil und die Kennmelodie der Nummer wiederholen.

Viele Auszeichnungen (Golden Globe, Goldene Schallplatten, Goldener Notenschlüssel, Songwriters Hall Of Fame, Goldenes Grammophon, Lifetime Achievement Award, Goldene Stimmgabel…) zeugen von dem Rang und Ansehen des Musikers. Sein Credo „Ich möchte Musik machen, die nicht stört“, wirkt angesichts dieser Erfolge und Würdigungen schon fast als klassisches Understatement.

Als im Frühjahr 1980 in London ein Konzert des Bert Kaempfert Orchesters angekündigt wird, ist es innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Die Briten lieben den Sound deutscher Big Bands, insbesondere die sanften Melodien des „Great Gentleman of Music“. Nur der Körper des Komponisten will nicht mehr so recht. Dass es das allerletzte Konzert von Bert Kaempfert sein wird, ahnt zu diesem Zeitpunkt hingegen noch keiner. Das unstete und rastlose Leben, die vielen Tabletten und vielleicht auch der Alkohol fordern schließlich ihren Tribut. Fünf Tage später erfährt die Musikwelt von seinem frühen Tod. Kaempfert stirbt, noch nicht einmal 57 Jahre alt, an den Folgen eines Schlaganfalls am 21. Juni 1980 auf Mallorca.

Seine „Easy Listening Music“ wird zwischenzeitlich als Lounge-Musik angeboten, viele seiner Evergreens nennt man mittlerweile auch „Solid Gold Records“ – erstaunlich ist indes der Umstand, dass viele Hörer den Komponisten dieser Musik gar nicht mehr kennen.

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