Sonntag, 17.12.2017 05:04 Uhr

Hilfe für Schwangere – ein Plädoyer für Kunsttherapie

Verantwortlicher Autor: Wolfgang H.F. Meinert Hamburg, 02.11.2017, 10:33 Uhr
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Die besondere Situation
Die besondere Situation  Bild: Fotolia Martinan

Hamburg [ENA] Schwangere Frauen haben besondere Bedürfnisse. Einerseits suchen Sie nach Schutz für sich und das Kind, das sie im Bauch spüren, andererseits kommt unglaublich viel Neues auf sie zu. Gerade wenn es das erste Kind ist. Das ganze Leben wird sich verändern.

Die werdende Mutter wird von null auf gleich die Verantwortung für ein anderes Leben übernehmen. Es gilt die Geburt zu meistern. Doch vorher in der Schwangerschaft ergeben sich eine Vielzahl von verschiedenen Herausforderungen, von körperlichen Beschwerden, psychischen Belastungen bis hin zu arbeitsrechtlichen Besonderheiten. Christiane Nefzger ist Kunsttherapeutin und hat gerade Ihrer Tochter beim Laufen lernen zugeschaut.

ENA: Frau Nefzger, welche Unterstützung gibt es typischerweise für Schwangere? Nefzger: Was ich auch persönlich als hilfreich kennen gelernt habe ist zum Beispiel Gymnastik oder auch Yoga für Schwangere. Das richtet sich auf den Körper aus, stärkt die Muskeln, die bei der Geburt benötigt werden, vor allem im Bereich Beckenboden und es werden Techniken für die Entspannung erlernt. Wichtig ist, den Kontakt zu dem Ungeborenen herzustellen. Die Ernährung ist zu beachten, Bewegung ist hilfreich und für diejenigen, die dafür offen sind, auch Meditation. Wenn es auf die Geburt zugeht, gibt es die klassische Geburtsvorbereitung oder auch Hypnobirthing. ENA: Sie sind Kunsttherapeutin. Wie helfen Sie und Ihre BerufskollegInnen den Schwangeren?

Nefzger: Der künstlerische Ausdruck an sich kann heilend, stützend und entlastend wirken. Die Frau kann dabei Ängste und Sorgen ausdrücken. Die Schwangere kann genauso gut aber auch einfach eine schöne Zeit haben, indem etwas Freudiges gestaltet wird, was ihr gefällt oder Kraft gibt. ENA: Um welche Art von Kunsttherapie geht es bei Schwangeren? Nefzger: Es geht ums Malen und den eigenen inneren Ausdruck. Zu Beginn fange ich immer mit leichten Übungen an: Zum Beispiel mit Kreide auf Papier zu malen oder eine Collage zu erstellen. Das ist bekannter als andere Techniken. Manche Frauen haben Hemmungen, sofort auf großes Papier oder auf Leinwand zu malen. Doch das gibt sich schnell wenn die Freude des Ausdrucks erlebt wird.

Nefzger: Es darf körperlich nicht zu anstrengend sein. Deswegen ist es wichtig, dass die Schwangere im Stehen oder auch im Sitzen malen kann. Maltische und große Staffeleien sollten durch die Kunsttherapeutin gestellt werden. Auch Jogamatten und Kissen gehören zur Kunsttherapie für Schwangere dazu. Es darf immer gemütlich sein - in einer Wohlfühlumgebung. Wichtig ist, dass keines der Bilder bewertet wird. Anders als es in der Schule gelehrt wurde, hat im Bild alles Platz. Es geht nicht um das "Produkt", sondern um einen Ausdruck von inneren Bildern, welche Form diese auch immer haben. Um deren Entstehung zu fördern, machen wir zu Beginn der Stunde eine Fantasie- oder Traumreise.

ENA: Wird der Körper auch bemalt? Nefzger: Nein, der wird bei mir nicht bemalt. Auf Wunsch der Frauen werden Gipsabdrücke vom Bauch gestaltet. Dies ist eine spannende Materialerfahrung sowohl für den, der die Gipsbinden auf den Körper der Frau auflegt als auch für die Schwangere selbst. Sie spürt wie der Gips am Körper warm wird und auch, wie er sich später von selbst löst.Sie erhält einen Abdruck ihres eigenen Bauches. Der kann in der nächsten Stunde bemalt werden und mit nach Hause genommen werden.

Das Material ist einfach

ENA: Was hat denn das Kind davon, wenn die werdende Mutter malt? Nefzger: Wenn die Mutter sich dabei gut fühlt, glücklich ist, loslassen kann, mit sich und dem Baby in Kontakt kommt, werden bestimmte Botenstoffe ausgesendet und Glückshormone. Das wirkt sich sehr direkt auf das Kind aus. Denn Mutter und Kind sind komplett miteinander verbunden. Wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass die Emotionen, die die Frau in der Schwangerschaft hat, sich ausnahmslos auf das Kind übertragen. Es ist somit leicht nachzuvollziehen, wie wichtig das Wohlbefinden einer schwangeren Frau ist.

Nefzger: Eine in sich ruhende Schwangere legt bereits einen wichtigen Grundstein für die seelische Entwicklung Ihres Kindes. Dies bedeutet nicht, dass vermeintlich negative Gefühle wie Angst und Wut nicht auftreten dürfen. Sie gehören zum Leben dazu und das darf das Baby auch kennen lernen. Wenn auch diese Gefühle ihren Platz bekommen, können wir sie integrieren und loslassen zugleich. Hier kann die Kunsttherapie einen großen Anteil beitragen und der Frau zu einem psychischem Gleichgewicht verhelfen.

ENA: Nützt die Kunsttherapie auch bei Risikoschwangerschaften? Nefzger: Gerade dort. Man muss das sich einmal vorstellen. Da wird die schwangere Frau in die Klinik eingeliefert und liegt dort monatelang, wartet auf die Geburt, die hoffentlich nicht zu früh einsetzt. Medizinisch wird sie gut versorgt. Aber ansonsten liegt sie nur im Bett und hat Angst, ihr Kind zu verlieren. Sie darf nicht einmal alleine auf Toilette gehen, fühlt sich fremdbestimmt und dreht sich mit ihren eigenen Gedanken im Kreis. Hebammen und Krankenschwestern können das allein aus zeitlichen Gründen nicht auffangen.

ENA: Ist gerade für diese Fälle die Kunsttherapie geeignet und ist das wissenschaftlich belegt? Nefzger: Ja, das belegt eine empirische Studie mit bettlägerigen Frauen, die über Monate in der Klinik liegen mussten. Die ganze Zeit waren sie mit der Angst konfrontiert, das Kind zu verlieren. Wenn die Bettnachbarin plötzlich gefehlt hat, war nicht klar, hat die ihr Kind bekommen oder hat sie ihr Kind verloren. Hier wurde die Kunsttherapie eingesetzt. Die Therapeutin kam ans Bett, hat mit den Frauen gemalt - über einen langen Zeitraum hinweg. Und ja, es konnte nachgewiesen werden, dass die Frauen sich stabiler fühlten, entspannter waren und dass sogar die Geburten dieser Risikoschwangerschaften später eintraten. Da zählt jeder Tag.

ENA: Wo gibt es solche Kurse für Schwangere, zum Beispiel in Hamburg? Nefzger: Für Hamburg kann ich drei Einrichtungen nennen: Das Marienkrankenhaus, das Familienzentrum Barmbek Basch und das Kind- und Elternzentrum Hohenfelde. In anderen Städten würde ich in Arztpraxen und bei der Hebamme nachfragen. ENA: Wenn Mutter und Kind dann wieder zuhause angekommen sind und dem Alltag gegenüberstehen. Was kann man dann tun? Gibt es auch bundesweit Hilfe? Nefzger: Es gibt ein deutschlandweites Portal http://www.wellcome-online.de/ Wellcome ist eine gemeinnützige Organisation, die Hilfsangebote zur praktischen Unterstützung der Familien nach der Geburt koordiniert. Dort kann man auch ehrenamtliche Unterstützung erfragen.

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